Die Agentur als Prompt-Manufaktur?

Die Agentur als Prompt-Manufaktur?
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Derzeit scheint es zwei verschiedene Agentur-Menschen zu geben. Die einen haben leuchtende Augen und erzählen, wie sie mit Cursor und Claude Code einen kompletten Shopify-Checkout in zwei Stunden umgebaut haben. Die anderen haben einen leicht gequälten Gesichtsausdruck und fragen sich, ob sie gerade ihren eigenen Beruf abschaffen. Beide liegen falsch – aber auf interessante Weise.

Seit ChatGPT Ende 2022 die Bühne betrat, hält sich eine Erzählung hartnäckig: Cursor, Copilot & Co. machen Entwickler:innen überflüssig. Kund:innen werden ihre Shops künftig selbst bauen, Agenturen schrumpfen, und der letzte macht das Licht aus. Diese These klingt logisch, ist aber – um es diplomatisch zu formulieren – ziemlich unterkomplex.

Erinnern wir uns kurz: Ähnliches wurde prophezeit, als die ersten No-Code- und Low-Code-Plattformen versprachen, dass künftig jede:r einen Onlineshop per Drag-and-Drop zusammenklicken könne. Dann kamen die Baukasten-Editoren, die visuellen Workflow-Builder. Jedes Mal hieß es: Agenturen werden überflüssig. Und jedes Mal passierte das Gegenteil. Nicht weil die Tools schlecht waren, sondern weil sie die Erwartungen nach oben schraubten.

Das Erwartungs-Paradox

Und genau das passiert gerade wieder – nur schneller und mit größerer Wucht.

In der Ökonomie gibt es dafür einen schönen Begriff: das Jevons-Paradoxon. Als im 19. Jahrhundert effizientere Dampfmaschinen auf den Markt kamen, sank der Kohleverbrauch pro Maschine – aber der Gesamtverbrauch stieg, weil plötzlich viel mehr Anwendungsbereiche wirtschaftlich wurden. Matthias Schrader hat das in seinem Buch Code Crash treffend auf die Softwarebranche übertragen: Wenn Code billiger wird, wird nicht weniger davon produziert, sondern mehr. Deutlich mehr.

Für E-Commerce-Agenturen heißt das konkret: Es sinkt nicht die Nachfrage nach ihren Leistungen. Es steigt die Ambition der Projekte. Der Mittelständler, der sich bisher mit einem Standard-Theme und drei Anpassungen zufriedengegeben hat, sieht plötzlich, was technisch möglich wäre – und will genau das. Der Enterprise-Kunde, der für eine API-Integration sechs Monate eingeplant hat, fragt: „Wenn eure Tools so produktiv sind, warum dann nicht auch gleich die Anbindung an unser ERP und das PIM?"

Meine Vermutung ist eher: Claude & Co. führen nicht zu weniger Arbeit, sondern zu mehr Arbeit auf höherem Niveau. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Was sich wirklich verändert

Lasst uns kurz aufdröseln, was konkret passiert, wenn eine E-Commerce-Agentur AI Coding Tools ernsthaft einsetzt.

  • Die Junior-Senior-Dynamik verschiebt sich. Ein:e Junior-Entwickler:in mit Copilot und Claude Code kann Code produzieren, der syntaktisch auf Senior-Niveau liegt. Das klingt erst mal bedrohlich für die Seniors – ist es aber nicht. Denn die eigentliche Senior-Kompetenz war nie das Schreiben von Code, sondern das Wissen, welchen Code man schreiben sollte. Architekturentscheidungen, Systemberatung, das Erkennen von Sackgassen bevor man drei Sprints darin feststeckt – das liefert kein Tool.
  • Die Iteration beschleunigt sich radikal. Wo Agenturen früher einen Prototyp in zwei Wochen lieferten, können sie heute nach zwei Tagen einen funktionierenden Entwurf präsentieren. Das verändert die Projektdynamik: Kund:innen sehen schneller Ergebnisse, geben schneller Feedback, ändern schneller ihre Meinung. Ob das ein Segen oder ein Fluch ist, hängt davon ab, wie gut die Agentur ihre Prozesse im Griff hat.
  • Die Fehlerquellen verschieben sich. AI-generierter Code funktioniert oft auf den ersten Blick. Die Probleme zeigen sich später – in Edge Cases, in Performance-Engpässen, in Sicherheitslücken, die erst beim zweiten Hinschauen auffallen. Agenturen brauchen deshalb nicht weniger Expertise, sondern andere Expertise: Code-Review wird wichtiger als Code-Writing.

Die Prompt-Manufaktur als Zukunftsmodell?

Der Begriff „Prompt-Manufaktur" klingt wie eine Beleidigung, könnte aber eine ehrliche Beschreibung dessen sein, was gute Agenturen bereits tun. Sie übersetzen Geschäftsanforderungen in technische Spezifikationen – nur dass die Spezifikation heute eben nicht mehr ein Pflichtenheft ist, sondern ein Satz gut strukturierter Prompts, die ein AI-Tool in funktionierenden Code verwandelt.

Das ist natürlich eine Vereinfachung, aber ich denke der Kern stimmt: Die Wertschöpfung verschiebt sich von der Ausführung zur Orchestrierung. Und Orchestrierung – das Zusammenspiel von Geschäftslogik, Systemarchitektur, Datenmodellen und Kundenanforderungen – ist exakt das, wofür man erfahrene Menschen braucht.

Der blinde Fleck

Was mich allerdings skeptisch stimmt, ist der blinde Fleck in der aktuellen Euphorie. Viele Agenturen investieren gerade massiv in die Tooling-Kompetenz ihrer Teams – was richtig ist. Aber nur wenige investieren gleichzeitig in die Beratungskompetenz. Wer künftig nur „schneller coden" kann, wird feststellen, dass schnelles Coden allein kein Differenzierungsmerkmal mehr ist. Es wird zur Baseline, zum Hygienefaktor.

Die Agenturen, die in zwei Jahren erfolgreich sein werden, sind nicht die mit den besten Prompt-Engineers. Es sind die, die verstanden haben, dass AI-Coding-Tools den Wert von technischer Umsetzung senken – und den Wert von allem drumherum erhöhen. Beratung, Strategie, Prozessdesign, das unbequeme Gespräch mit dem Kunden, der eigentlich etwas anderes braucht als das, was er bestellt hat.

Was beobachtet ihr in euren Agenturen? Wird schon „gevibed" oder noch debattiert?