Amazons Robotik-Offensive: Von RIVR bis zur Last-Mile-Revolution

Amazons Robotik-Offensive: Von RIVR bis zur Last-Mile-Revolution
Photo by Rowan Freeman / Unsplash

Als Swiss-Mile vor knapp drei Jahren in Zürich gegründet wurde, war das Konzept noch etwas, das man in einem ETH-Labor bewundern und dann vergessen konnte: Vierbeinige Roboter auf Rädern, die Treppen steigen und Pakete an die Haustür bringen. Nett, aber irgendwie zu nah an einem Science-Fiction-Film, um es ernst zu nehmen. Diese Woche hat Amazon das Startup – mittlerweile umbenannt in RIVRübernommen. Und plötzlich wirkt die Sache deutlich weniger wie Science-Fiction.

Warum ausgerechnet jetzt?

Amazon ist nicht gerade ein Neuling in Sachen Robotik. Die Übernahme von Kiva Systems im Jahr 2012 für 775 Millionen Dollar hat die Warehouse-Automatisierung branchenweit beschleunigt. Seitdem hat der Konzern Hunderttausende Roboter in seinen Fulfillment-Centern im Einsatz – zum Sortieren, Transportieren, Verpacken. 2022 legte Amazon mit dem Industrial Innovation Fund nach: ein Milliarden-Dollar-Fonds für Supply-Chain-Technologien. RIVR gehörte zum Portfolio – Amazon und Bezos Expeditions beteiligten sich an der 22-Millionen-Dollar-Seed-Runde im August 2024. Laut PitchBook lag die Bewertung damals bei 110 Millionen Dollar.

Was sich verändert hat: Die letzte Meile ist zur teuersten geworden – und gleichzeitig zur wichtigsten. Branchenkenner:innen schätzen, dass bis zu 53 Prozent der gesamten Lieferkosten auf den letzten Abschnitt entfallen. Und Amazon hat in den vergangenen Monaten seine Logistik-Ambitionen auf ein neues Niveau gehoben. Im März 2026 wurde bekannt, dass der Konzern die USPS als volumenstärksten Paketdienst der USA überholt hat – 6,7 Milliarden Pakete im Jahr 2025 gegenüber 6,6 Milliarden der Post. Gleichzeitig baut Amazon sein USPS-Volumen aktiv ab und hat kürzlich 1-Stunden- und 3-Stunden-Lieferoptionen eingeführt. Wer so viel Volumen selbst bewegt und gleichzeitig die Geschwindigkeit hochschraubt, braucht irgendwann Maschinen, die mithalten.

Was können die Roboter eigentlich?

RIVR baut Roboter mit einem Hybrid-Konzept: vier Beine plus Räder. Das klingt zunächst nach einer Kompromisslösung, adressiert aber ein echtes Problem der Branche. Wer die Zustellroboter von Starship Technologies oder Nuro kennt, weiß: Die meisten scheitern an Bordsteinkanten, Treppen oder unebenen Wegen – also genau dort, wo die wirklich letzte Meile stattfindet. RIVRs Maschinen können genau das – und sie navigieren autonom vom Lieferfahrzeug bis zur Haustür. Der Clou liegt in der Kombination: Auf dem Gehweg rollen sie auf Rädern, bei Hindernissen wechseln sie in den Beinmodus.

Im Mai 2025 startete RIVR einen Pilotbetrieb in Austin in Kooperation mit der alternativen Zustellplattform Veho. Das Konzept: Während der menschliche Fahrer ein Paket ausliefert, übernimmt der Roboter parallel die nächste Zustellung – die sogenannten "letzten 100 Yards". Fünf bis sechs Stunden täglich, zunächst in Wohngebieten, begleitet von einem RIVR-Mitarbeiter zur Sicherheit.

RIVR-CEO Marko Bjelonic sprach in seinem LinkedIn-Post zur Übernahme von "General Physical AI" – also KI, die in der physischen Welt agiert und nicht nur auf Bildschirmen. Eine Amazon-Sprecherin formulierte es nüchterner: Es gehe darum, die "Sicherheit für Zustellfahrer:innen zu verbessern".

Ist das der Anfang einer Roboter-Logistik-Ära?

Der Kontext macht die RIVR-Übernahme interessant, nicht der Deal allein. Gleichzeitig meldete Prologis mit GIC ein 1,6-Milliarden-Dollar-Joint-Venture für Logistikimmobilien in den USA – über 60 Prozent der Entwicklungsprojekte sind für Automatisierung und höheren Durchsatz konzipiert. Und FedEx verkündete in seinen Q3-Zahlen einen Quartalsumsatz von 24 Milliarden Dollar, wobei CEO Raj Subramaniam betonte, dass Wachstum nicht mehr über Volumen, sondern über Effizienz definiert wird. Über eine Milliarde Dollar an permanenten Kosteneinsparungen soll das "Network 2.0"-Programm bringen.

Fairerweise muss man sagen: Von RIVRs Pilotbetrieb in Austin mit einem einzelnen begleiteten Roboter bis zu einer skalierten Flotte ist es ein weiter Weg. Die Pläne, bis 2027 auf Tausende Roboter zu skalieren, klingen ambitioniert – und genau die Art von Zielmarke, die in der Robotik regelmäßig nach hinten verschoben wird.

Was bedeutet das für den E-Commerce?

Meine Vermutung ist eher, dass die RIVR-Akquisition weniger ein Durchbruch ist als ein strategischer Baustein. Amazon sichert sich damit Optionen für eine Zukunft, in der menschliche Zustellung teurer und knapper wird – sei es durch steigende Löhne, Arbeitskräftemangel oder regulatorischen Druck. Ob die radbeinigen Roboter tatsächlich in Massen durch Vororte rollen werden, steht auf einem anderen Blatt.

Es lohnt sich aber, den Blick zu weiten. Amazon ist nicht der einzige Akteur, der auf Automatisierung setzt. Uber hat gerade bis zu 1,25 Milliarden Dollar in Rivian investiert, um 50.000 autonome Fahrzeuge auf die Straße zu bringen. Ocado experimentiert mit Robotik-Lösungen für stationäre Supermärkte. Die gesamte Logistikbranche bewegt sich in dieselbe Richtung – nur mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Spannender ist der Dominoeffekt: Wenn Amazon die letzte Meile automatisiert, müssen FedEx, UPS und alle anderen nachziehen – oder sich auf die Nischen zurückziehen, in denen Roboter (noch) nicht funktionieren. Die Frage ist nicht mehr, ob die Letzte-Meile-Zustellung automatisiert wird. Die Frage ist, wer die Standards setzt – und wie lange die Anwohner:innen es hinnehmen, dass vierbeinige Maschinen über ihre Vorgärten stapfen.